Sicherheit

heute hab ich in einer schachtel mit erinnerungen gekramt. ein ausgedrucktes email fiel mir in die hände. geschrieben am 16.11.2004 an eine liebe freundin als antwort auf ihre bitte: “schreib mir ein paar gedanken zum thema sicherheit”

wie riecht sicherheit, wenn sie ein geruch ist?
wie schmeckt sicherheit, wenn man sie essen oder trinken kann?
wie sieht sie aus, welche farbe hat sie?
wie fühlt sie sich an, wenn man sie in die hand nimmt (und ich gehe mal davon aus, sie passt da rein…)?

sie riecht wie frisch gebackenes brot aus dem holzofen meiner großmutter und liegt im anblick ihrer alten, knochigen, faltigen hände die ruhig und sicher den teig kneten. sie schmeckt nach milchreis, süß und cremig nach vanille und honig.
sicherheit ist hell, aber sie blendet nicht. sie ist wie ein frühlingshimmel mit ein paar weissen wolken und auch der moment an dem der horizont ein letztes mal golden leuchtet. und wenn sie in allen farben schillert, ist es immer meine lieblingsfarbe.

sicherheit ist weich, nachgiebig und elastisch, anschmiegsam wie eine hand die eine andere hält.

ihr zuhause liegt sowohl im wald als auch in der wüste. es gibt in meinem heimatort ein kleines wäldchen. früher bin ich oft dort hin gegangen. ich hab ihn immer als märchenwald bezeichnet. die bäume sind hoch und dunkel, sie haben in jahrelanger arbeit ein dickes polster aus tannennadeln geschaffen. früher war dort ein steinbruch und nun liegen zwischen den baumstämmen große steine und felsbrocken herum, überzogen mit dunkelgrünem moos. es gibt rehe dort und füchse, dicke schwammerlkolonien, wilde himbeeren und walderdbeeren, elfen und kobolde.
wenn man durch diesen wald spaziert, ist es, als würde man sich nicht durch eigene kraft fortbewegen. der weiche boden federt unter meinen schritten, die kraft der erde gibt meinem bein jedes mal einen kleinen schubs. das moos, das gerade noch einen genauen fußabdruck von mir gezeigt hat reckt und räkelt sich, es atmet auf und nach ein paar minuten ist es so, als wäre ich nie dort gegangen.

alles an diesem ort scheint aus der erde zu kommen: der geruch, die kraft, der atem, sogar die sonnentümpel zwischen den dichten schatten wachsen aus der erde.

in der wüste kann man die sicherheit einatmen, die luft ist warm und dick, durchscheinend hell und zerzaust. ein heisser wind tastet und spielt; fühlt, ob nicht auch dieses wesen geformt und geschliffen werden kann. ich spüre, daß ich teil eines großen ganzen bin. wir haben den selben ursprung, den selben schöpfer, der sand und ich.

ich kann die ganze welt sehen, wenn ich meinen blick in die ferne richte. ich reiche bis zur sonne, wenn ich mich auf zehenspitzen stelle. wenn ich die arme ausbreite, reichen sie bis zum horizont. ich grabe meine zehen in den sand und spüre die wärme im erdinnern. ich bin nicht allein, denn die ganze welt ist in mir und ich bin in der ganzen welt.

~ von goldnacht am 2011/10/26.

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